{Rezension} Das kleine Atelier der Mademoiselle Iris (Agnès Martin-Lugand)

Cover_Buch_Atelier_Mademoiselle_Iris_BlanvaletInhalt:

Iris hat einen Traum: Sie würde gerne Kleider entwerfen und schneidern. Doch ihre spießbürgerlichen Eltern haben diesen Traum schon früh torpediert und auch ihr Mann Pierre sähe sie lieber als Mutter seiner Kinder. Ihr braver Job in der Bank langweilt Iris und Pierres Job als Arzt hält ihn immer häufiger von zuhause fern. Durch einen Zufall trifft sie auf eine Anzeige, die in Paris engagierten Menschen eine Ausbildung zur Schneiderin anbietet. Iris ist sofort Feuer und Flamme und setzt alles daran aufgenommen zu werden in das Atelier der geheimnisvollen Marthe. Gegen den Willen ihres Ehemanns beginnt sie mit ihrer Ausbildung in Paris und taucht immer tiefer ein in Schnittmuster und Nähgeheimnisse, aber auch in Welt von Marthe und der Pariser Highsociety. Iris´ Talent zieht sofort kaufkräftige Kundschaft an, doch auch Iris´ Herz gerät aus dem Takt – ausgerechnet bei Gabriel, vor dem Marthe ihn konsequent warnt…

 

Meine Meinung:

Iris wirkt sehr sympathisch und man leidet anfangs wirklich mit ihr, wenn sie in ihrem braven und kleinbürgerlichen Leben fast erstickt, wo man doch sofort merkt, dass in ihr viele kreative Ideen stecken. Man atmet regelrecht auf, als sie sich endlich einen Ruck gibt und aus ihrem Leben ausbricht – zumindest teilweise – und nach Paris reist, um ihren Traum zu verfolgen. Doch so unabhängig sich Iris dort gerne sehen möchte, sie rutscht von der einen Abhängigkeit (von ihrem Ehemann) in die nächste Abhängigkeit (in die von Marthe, und irgendwie später auch in die zu Gabriel). Das fand ich teilweise recht anstrengend. Die anderen Hauptfiguren, Marthe und Gabriel, sind gut konstruiert und charismatisch, sie sind starke Gegenspieler, auch wenn mir das Klischee des gut aussehenden, etwas zwielichtigen und schließlich durch die Liebe geläuterten Gabriel etwas zu viel war. Gerne hätte man Marthe noch ein bisschen besser erklären können. Dass mit ihr etwas nicht stimmt spürt man zwar die gesamte Lektüre hindurch, aber erst am Ende wird einem hopplahopp eine Erklärung geliefert. Das Ende kam mir auch mal wieder etwas zu plötzlich. Die Entscheidung von Marthe ist zwar konsequent und in ihrem Charakter angelegt, aber dass Gabriel und Iris so schnell so gut damit umgehen und ihr „Erbe“ annehmen, fand ich etwas zu unkompliziert. Meine Lieblingsfigur war mal wieder eine Nebenfigur: der Butler Jacques, der als gute Seele durch das ganze Buch wirkt. Die Umgebung des Ateliers und die Stadt als Kulisse sind schön und lebendig beschrieben, sodass man eintaucht in die Geschichte und mit den Figuren über die Boulevards von Paris flaniert. Die Highsociety, für die Iris arbeitet, ist ein bisschen oberflächlich präsentiert, dient aber im Endeffekt auch nur als Hintergrund, um den Aufstieg von Iris und ihre Veränderung zu zeigen. 

Was ich schwierig fand, war dass sich Iris von der grauen Hausfrauenmaus direkt in eine Femme fatale verändert, nur weil Marthe das will. Iris scheint nicht wirklich einen eigenen Willen zu haben, sondern sich immer so zu verändern wie die jeweilige Bezugsperson es gerne haben möchte. Schon der Titel „Mademoiselle“ und nicht „Madame“ zeigt, dass Iris immer noch ein Spielball ihrer Umgebung ist und sie es für sehr lange Zeit nicht wirklich merkt. 

Natürlich ist relativ schnell klar wohin das Ende hinführt und dass Pierre seiner Frau nicht treu war, ist auch nicht wirklich eine Überraschung, aber dann schließlich für Iris der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und der dazu führt, dass sie sich ihrem neuen Ich und ihrem neuen Leben in Paris endgültig stellt. 

Alles in allem ein schön geschriebenes Buch um eine Frau, die ihren eigenen Weg sucht. Die Geschichte bringt einem einige entspannte Lesestunden, auch wenn ich die Entwicklung von Iris schöner gefunden hätte, wenn sie aus ihr und ihrem Willen gekommen wäre und nicht durch außen provoziert worden wäre. 

 

Cover: RandomHouse/Blanvalet