Wo kein Zeuge ist (Elizabeth George)

Ein Serienmörder ist in London unterwegs. Seine Opfer sind farbige Jugendliche, die regelrecht aufgebahrt werden. Die Polizei sieht zunächst keine Verbindung zwischen den Opfern – die Medien werfen ihnen Rassismus vor. Das ist die Ausgangslage als Thomas Lynley und Barbara Havers von New Scotland Yard den Fall übertragen bekommen. Denn der Serienmörder hat bereits ein viertes Opfer ermordet. Während Lynley sich mit seinem Vorgesetzten Hillier und dessen seltsamen Methoden rumschlagen muss, geht Havers einer wichtigen Spur nach. Lynley muss nicht nur die Ermittlungen leiten, sondern auch noch Nkata vor der Mediensucht Hilliers retten und trifft eine folgenreiche Entscheidung – um die Medien von Nkatas Vergangenheit abzulenken, lässt er einen Bericht über sich, seine adlige Herkunft und seine Familie zu. Doch dann trifft Lynley die schlimmste persönliche Tragödie seines Lebens…

Elizabeth George konstruiert einen tollen Spannungsbogen, sodass man relativ lange im Dunkeln tappt, wer der Mörder war. Es gelingt ihr die Auswirkungen der Ermittlungen und den Druck auf die Ermittler herauszuarbeiten, man leidet wirklich mit ihnen mit. Obwohl ich am Ende froh war, dass der Mörder gefasst war, ging mir das Ende ein bisschen schnell. Man ermittelt mehrere hundert Seiten lang mit und bekommt dann plötzlich die Lösung mit allen Erklärungen innerhalb weniger Seiten präsentiert, andererseits wäre das Buch sonst noch länger geworden.

In diesem Band bekommt man eine noch engere Einsicht in das Innenleben der einzelnen Ermittlerfiguren, die persönliche Geschichte der einzelnen Detectives wird mindestens genauso wichtig wie die eigentliche Krimihandlung selbst. Und so ist man ganz nah an Lynley, Havers und Nkata dran. Die Unstimmigkeiten zwischen Hillier und Lynles steigern sich in einen richtig verbissenen Kampf, und man merkt, dass Lynley dieses Machtspiel nicht mehr lange aushält. Dieser Umstand lähmt die gesamte Truppe regelrecht. Auch die Einbindung der Presse ist für das Team ein schwieriger Punkt in den Ermittlungen. Die unterschwellige Kritik an der englischen Klatschpresse, die hier mitschwingt, war für mich etwas zu plump eingebaut. Ich musste wirklich Seite um Seite lesen, um endlich sicher sein zu können, dass der Täter gefasst wird, aber mit jeder Seite wird es anstrengender und verstörender diesem Typen auf die Schliche zu kommen.

Ich habe schon einige Lynley-Romane gelesen und so auch die beruflichen Probleme von Havers erlebt, fand es aber mit der Zeit unglaubwürdig, dass sie sich immer wieder noch tiefer reinreitet, wo sie andererseits als so wahnsinnig clever und talentiert dargestellt wird. Daher war ich sehr froh, dass sie endlich wieder ihren alten Dienstrang bekommen hat.

Die persönliche Tragödie Lynleys beginnt mit diesem Buch. Da ich den Nachfolgeband schon gelesen hatte, wusste ich was passiert, aber nicht wie. Ich war eigentlich nie ein Fan von Helen, bin lange nicht warm geworden mit ihr, aber sie wird in den folgenden Bänden fehlen, denn Lynley hat seinen Halt verloren. Sein Leid und sein Ringen um eine Entscheidung, was mit der hirntoten Helen geschehen soll, wird so eindringlich und brutal beschrieben, dass man das Gefühl hat selbst diese Entscheidung treffen zu müssen.

Es gelingt der Autorin wieder einmal die Figuren so very british zu zeigen, dass es eine Wonne ist mit den Personen unterwegs zu sein, auch wenn man teilweise emotional so stark involviert ist (ich zumindest), dass es kaum auszuhalten ist. Ich bin ein großer Fan von Lynley und Havers und „Wo kein Zeuge ist“, ist sicher nicht der letzte Band, den ich von Elizabeth George gelesen habe.

 

Buchinfos:

Autor/in: Elisabeth George; Titel: Wo kein Zeuge ist; Originaltitel: With No One as Witness, Übersetzt von: Ingrid Krane-Müschen & Michael J. Müschen; Genre: Krimi; Verlag: Goldmann Verlag in der Random House Verlagsgruppe; Erscheinungsdatum: November 2008 , Seitenzahl: 795

 

Cover: Random House Verlagsgruppe/Goldmann Verlag



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