We are proud to be Sensibelchen (Buch) und meine Sensibilität

Heute ist der 31. Dezember und schon wieder ist ein Jahr vorbei. Doch ich möchte keinen Jahresrückblick schreiben. Und es ist auch kein Rezensionsbeitrag, auch wenn es unter anderem um ein Buch geht. Ein ganz fantastisches Buch. Heute möchte ich über ein Thema schreiben, das ich bisher hier noch nicht wirklich oft angesprochen habe, etwas, das ich selbst noch nicht lange weiß. Beziehungsweise wofür ich bis vor ca. 2 Jahren einfach keinen Begriff hatte. Und wo ich nicht sicher bin, ob ich auf „veröffentlichen“ klicken soll, weil es doch sehr persönlich ist.

Rechts in der Sidebar stehen sie die drei Buchstaben, die mir vor ca. 2 Jahren ein Aha-Erlebnis brachten. Die drei Buchstaben, die plötzlich erklärten, warum ich so bin wie ich bin: HSP. Hochsensible Person. Wobei „Hoch“ gleich wieder nach Wertung klingt, nach was herausragendem, nach „Höher, schneller, weiter“. Und genau davon will ich wegkommen. Ich will nicht mehr verglichen werden und mich vergleichen, mich in die Abhängigkeit des „Bin ich besser wie du?!“ begeben. Ich will lernen mich so zu akzeptieren wie ich bin. Denn ich bin gut und richtig, genau so wie ich bin.

Vor ca. 2 Jahren kam ich zum ersten Mal mit Hochsensibilität in Kontakt, durch einen Bekannten, der auf seinem Blog über seine eigene Sensibilität schreibt. Ich forschte ein bisschen und fand einige Informationen. Machte hier einen Test, las dort ein Buch zum Thema. Ich bin völlig in Ordnung so wie ich bin, auch wenn ich das Gefühl hab manchmal anders zu sein. Auch wenn ich mir oft vorkomme wie ein behäbiger Eisbär im Feld eleganter Flamingos. Und ich bin nicht allein. Es gibt so viele Sensible und einigen folge ich schon seit einer ganzen Weile über ihre Blogs oder Social-Media-Kanäle. Natürlich gibt es auch unter den Hochsensiblen unfassbar viele verschiedene Ausformungen. Und es gibt extrovertierte und introvertierte Hochsensible, ich gehöre eindeutig zu den introvertierten. Was es jetzt nicht unbedingt einfacher macht.

Ich mach mir über alles Gedanken. Veränderungen nehmen mich mit und ich tue mich schwer damit. Entscheidungen zu treffen, ist anstrengend, denn wenn man sich für etwas entscheidet, entscheidet man sich dann nicht gleichzeitig gegen all die anderen Möglichkeiten? Und was wenn eine andere Entscheidung besser wäre? Ich bin empfindlich – körperlich wie seelisch. Schmerzen kann ich nicht wirklich gut ertragen und Medikamente wirken irgendwie immer intensiver als bei anderen. So dahin gesagte Worte von anderen Menschen (die sie meist gar nicht böse meinen) können bei mir Überlegungen und schlechte Gefühle auslösen. Für mich schmeckt Essen, das in Plastikbehältern aufbewahrt wird, oft nach Plastik. Ich bin empfindlich was Gerüche, Geschmäcker und Düfte angeht. Ich hasse es zu telefonieren. Also nicht mit Leuten, die ich kenne. Aber ich hasse es mit fremden Menschen am Telefon zu reden. Ich habe dann Angst mich zu verhaspeln, alles falsch zu machen und mich so auszudrücken, dass der andere nicht weiß, was ich meine. Außerdem fehlt mir die Reaktion des anderen. Ich kann dann nur seine Stimme „lesen“, ich brauche aber mehr Informationen. Deshalb drücke ich mich oft um Aufgaben, die für andere Leute total easy sind. Tische zu reservieren, Arzttermine telefonisch auszumachen. Ich habe mir einen Friseur gesucht, wo ich meine Termine online ausmachen kann, in dem ich mich durchklicke durch ein System (die Friseurin mag ich übrigens sehr und rede gern mir ihr, aber ich kann trotzdem nicht telefonisch den Termin ausmachen). Telefonieren ist die größte Herausforderung für mich im Job – ein Hoch auf Emails! Ich bin nicht gut darin zu funktionieren. Ich kann mich nicht nur auf eine Sache konzentrieren, deshalb habe ich mehrere Jobs, die ich alle brauche. Nicht nur finanziell, sondern vor allem für mein Wohlbefinden und das Chaos im Kopf. 

Leute an mich ranzulassen, sie in meine Seele blicken zu lassen, ist anstrengend, weil ich Angst habe, dass sie mich vielleicht nicht ertragen können. Dass sie mich für einen Hochstapler halten. Ich kann außerdem manchmal nicht unterscheiden, ob ich gerade diese Emotion selbst fühle oder nur von einer anderen Person „übernehme“, weil ich mich verbunden fühle. Manchmal gehen die Emotionen mit mir durch und ich habe „Dramaqueenmomente“, wo ich mich so richtig reinsteigern kann und auch irgendwie nichts dagegen ankommt, obwohl ich in mir selbst schon merke, dass ich übertreibe und es schon langen nicht mehr um das geht, weswegen ich mich grade aufrege. Aber es muss raus. Raus aus mir, weil ich sonst platze und weil sonst in meinem Kopf noch mehr Chaos ist. 

Wenn man Freunde in meinem Umfeld frägt, werden sie sagen, dass ich so unfassbar gut organisiert bin. Aber das bin ich nicht, weil ich so unfassbar gut organisiert bin, sondern weil ich andernfalls im Chaos untergehen würde. Hätte ich meinen Kalender nicht, würde alles durcheinander gehen. Und dann wäre ich noch mehr gestresst, hätte noch mehr Angst, dass ich nicht alles schaffe. Ich versuche mich zwar zunehmend frei zu machen von Vorgaben von außen, aber der fiese, kleine Perfektionist, der in mir ist und dessen Stimme leider öfters mal ziemlich laut schreit, ist oft nicht zufrieden. Und dagegen anzukommen, ist echt schwierig. Sich nicht selbst zu sehr unter Druck zu setzen. Das heißt nicht, dass ich keine Pläne, Wünsche und Ziele habe – im Gegensatz. Aber ich muss lernen, dass „Gut genug“ gut genug ist, dass es nicht „perfekt“ braucht, damit ich stolz auf mich sein kann. Das ist ein aufwändiger und anstrengender Weg des Lernens. Und es ist ein langer Weg. 

Ich mag Menschen und ich rede gern. Und erstaunlicherweise erzählen mir (teilweise fremde) Menschen sehr viel von sich, auch Dinge, die ich gar nicht wissen will. Sie können scheinbar schnell Vertrauen zu mir aufbauen. Und ich mag die Menschen wirklich gern. Aber sie sind oft auch sehr anstrengend für mich. Es ist als könnte ich ihre Gefühle spüren, als würden sie Energie aussenden und ich diese spüren. Das ist anstrengend, bei aller Liebe zu den Menschen. Und als Ausgleich muss ich allein sein. Ich kann gut allein sein (allerdings sollte ich es damit nicht übertreiben, sonst drehen sich die Gedanken in meinem Kopf zu schnell). Ein anderer Ausgleich ist die Kreativität. Schreiben, Malen, Zeichnen, basteln. 

Ich selbst gelte als Eisprinzessin (oder bilde ih mir das auch wieder nur ein? Ist es einer der Gedanken in meinem Kopf?!), weil ich anscheinend nicht in der Lage bin Beziehungen zu anderen aufzubauen, zumindest keine, wo man Leute wirklich an sich ran lässt. Aber das ist nicht so. Ich brauche einfach nur Zeit, Zeit Vertrauen aufzubauen. Doch meist haben die Leute keine Zeit. Keine Zeit jemanden zu entdecken. Außerdem drehen sich bei mir sofort die Gedanken. Ich bin unfassbar schlecht im Smalltalk. Und weil ich das weiß, drehen sich meine Gedanken dann gleich. „Werden sie mich mögen? Vielleicht halten sie mich für bekloppt, weil ich nicht so schlagfertig bin?“ „Wie begrüßt man jemanden, den man nicht kennt? Worüber redet man?“. Ja, das ist ein bisschen dämlich, aber ein Teufelskreis im Kopf. Wenn euch das interessiert, guckt auf jeden Fall mal auf dem Blog „Vanilla Mind“ vorbei. Melina hat das schon des öfteren beschrieben. Sehr viel besser als ich es jetzt hier kann. Oder lest euch den Beitrag von Joanna im Buch „We are proud to be Sensibelchen“ durch. 

Da ist es einfacher sie gleich auf Distanz zu halten und sich gar nicht erst in bestimmte Situationen wie Parties zu begeben. Keine gute Taktik, ich weiß. Aber auch das ist ein Lernprozess, das Sich-Öffnen. Neue Leute kennen lernen ist wirklich schwierig, wenn die Gedanken immer durch den Kopf rasen – danke für die „Salatschleuder im Kopf“, liebe Joanna, ich kann es so nachvollziehen.

Bei der Recherche zur Hochsensibilität bin ich über den Podcast „Proud to be Sensibelchen“ gestolpert und hängen geblieben. Seitdem höre ich dort in regelmäßigen Abständen mit. Und ich bin ganz bei ihr, dass das „Hoch“ irgendwie eine Wertung ist, (stärkere) Sensibilität reicht völlig. Über Maria Anna Schwarzberg bin ich auch auch auf das von ihr gestartete Crowdfunding-Projekt für das Buch „We are proud to be sensibelchen“ aufmerksam geworden. Auch wenn ich nicht unbedingt reich bin, fand ich dieses Projekt ein Herzensprojekt und mir war klar, dass ich dieses Buch unterstützen würde. Und das war eine der besten Entscheidungen in der letzten Zeit. Die Stofftasche mit dem Aufdruck „Bitte nicht schubsen. Ich bin sensibel“ lässt mich immer wieder grinsen und ich trage sie inzwischen mit Stolz. Beim Lesen der Beiträge hatte ich Tränen in den Augen. Nicht weil die Geschichten allzu traurig gewesen wären, sondern weil sie ehrlich waren. Und weil sie etwas in mir auslösten. Die Erkenntnis, dass ich nicht allein bin mit diesem Gefühlswirrwarr und der Sensibilität, mit dem Überfordertsein durch Konventionen, Regeln von anderen, der Gesellschaft, dem „Das-gehört-sich-so“. Im Moment bin ich selbst in einer „Umbruch“-Situation und muss einiges für mich klären, einige harte Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die hart sind für mich, weil ich mir eingestehen muss, dass es Träume gibt, die nicht wahr werden. Dass ich nicht mehr Erwartungen anderer Leute entspreche. Erwartungen, die ich lange für meine eigenen an mich hielt, die ich aber seit einiger Zeit als das erkannte, was sie waren: Erwartungen, die andere an mich hatten und die nicht meine waren. Diese anderen Menschen meinten das nicht böse, sie hatten mein Bestes im Sinn, da bin ich mir sehr sicher. Aber jetzt bin ich mir umso sicherer, dass ich besser weiß, was mein Bestes ist. Jetzt muss ich nur noch den Mut aufbringen, das auch alles umzusetzen, den Mut haben mich zu befreien und mir nicht einreden (lassen), dass ich versagt habe, weil ich Erwartungen anderer nicht erfüllen kann. 

Und während ich das hier schreibe, merke ich wie meine Seele leichter wird, wie die Tränen einen Teil der Zweifel aus mir herausspülen. In fast jeder der 11 Geschichten eines Sensiblen kann ich ein bisschen was von mir entdecken, weshalb ich beim Lesen und jetzt auch beim Schreiben mit Tränen in den Augen auf dem Sofa sitze. Aber mich nicht dafür schäme wie ich es früher immer getan hatte. Keine Schwäche zeigen, war jahrelang mein Motto. Und jetzt ist es ok. Weil ich ok bin, genau richtig wie ich bin. Das heißt nicht, dass ich ab sofort jedem mein Innerstes erklären muss, dass ich permanent meine Gefühle mit jedem analysieren muss. Aber es heißt, dass ich inzwischen bereit bin, zu akzeptieren, dass ich meine Gefühle eben vielfältig und intensiv wahrnehme. Vielleicht intensiver als andere Leute. Mir ist klar, dass das für viele vermutlich Erklärungen sind, die sie mit Augenrollen quittieren werden. Mit „Sei nicht so empfindlich!“ Oder „Nimm dich nicht so wichtig!“. Es geht nicht darum irgendwie sich aus der Gesellschaft herauszuheben, etwas Besseres zu sein oder wichtiger. Ein Label zu bekommen, das einen zum Mitglied irgendeines Geheimbundes macht. Es geht nur darum seine eigenen Bedürfnisse zu achten. Mit sich selbst achtsam zu sein. Eine große Aufgabe, eine die nicht von heute auf morgen von mir bewältigt werden kann. Aber ich bin bereit zu akzeptieren, dass ich anders bin (aber nicht falsch!, danke Maria Anna) und irgendwie manchmal nicht in die Umwelt passe. Und das das völlig in Ordnung ist. Und dass es Menschen gibt, die das akzeptieren. Die erkennen, wenn mir alles zu viel wird und mich aus der Situation rausholen oder mir eine „Fluchtmöglichkeit“ bieten. Die da sind, wenn ich nicht stark bin. Die mich auch mögen, wenn ich mich grade selbst gar nicht mag. Die Menschen, die in meinem Inner Circle sind und jetzt wissen, dass sie gemeint sind. Danke, dass ihr da seid! Ich liebe euch! 

Ich fürchte, dass der Beitrag ein bisschen chaotisch und wirr ist. Aber ich werde ihn nicht mehr korrigieren. Er ist so gut wie er ist. 

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen und ich hab mich so gut aufgehoben und verstanden gefühlt wie schon lange nicht mehr. Obwohl ich keinen der Autorinnen und Autoren persönlich kenne (einigen folge ich regelmäßig), war es als ob man Freunde trifft und ihre Geschichten hört. Und bei jeder Erzählung nickt und sich denkt: „Ich versteh dich.“ Es ist spannend zu entdecken wie sie alle mit ihrer Sensibilität klar kommen und jeweils ihren Weg gefunden haben, um eine Bestärkung daraus zu ziehen. Das ist ein Mutmachbuch, danke dafür. Und es ist doch immer wieder Zeit für ein Mutausbruch, oder? Also, liebe Sensible und „Normal-Sensible“, lest das Buch. Vielleicht versteht ihr euch selbst besser oder eine Person in eurer Umgebung. Es gibt in jeder Geschichte mindestens ein Zitat, in dem ich mich wieder finde. Danke für dieses BUCH!

Weitere Infos (vollkommen willkürlich und nicht wissenschaftlich genauestens aussortiert) zur (Hoch-)Sensibilität gibt es z.B. hier:

Ella theBee

Vanilla Mind

Proud to be Sensibelchen

Simply feel it

Parlow, Georg: Zart besaitet (selbst gelesen)

Sellin, Rolf: Wenn die Haut zu dünn ist

Schwarzberg, Maria Anna: Proud to be Sensibelchen – wie ich lernte meine Hochsensibilität zu lieben

Schwarzberg, Maria Anna (Hg): Proud to be Sensibelchen

Harke, Sylvia: Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet – die 100 häufigsten Fragen